Das große Experiment

Am 5. Juni 2014 begann eine neue Zeitrechnung, denn die Europäische Zentralbank (EZB) startete ein einmaliges, historisches Experiment: Wollen Banken zukünftig Geld bei der EZB parken, dann bekommen sie dafür keine Zinsen mehr, sondern sie müssen sogar für diese Einlage einen negativen Zins von 0,1 Prozent bezahlen. Die Idee dazu ist nicht neu. Schon vor 100 Jahren sah der Geldtheoretiker Silvio Gesell dies als Methode, um Menschen dazu zu bringen, ihr verdientes Geld möglichst schnell wieder auszugeben, um so schwaches Wirtschaftswachstum zu bekämpfen. Dies, weil der negative Zins dafür sorgt, dass Geld schnell weniger wert wird. Natürlich wird auch Sparen dadurch völlig uninteressant, denn wer Verzicht übt, der wird bestraft.

Vordergründig wollte die EZB mit einem negativen Zins die Kreditinstitute dazu bringen, Geld nicht bei ihr zu deponieren, sondern in die Wirtschaft zu pumpen. Ein weiteres Ziel der EZB war aber auch, den Wechselkurs des Euro zu beeinflussen. EZB-Präsident Mario Draghi hatte mehrfach durchblicken lassen, den hohen Euro-Kurs als schädlich zu empfinden. Hilft diese Zinspolitik, die größten Probleme der Euro-Zone zu bekämpfen? Eher nicht. In nahezu allen europäischen Ländern erholt sich die Wirtschaft nur schleppend. Eine hohe Arbeitslosenquote macht fast allen europäischen Regierungen zu schaffen und die Verschuldung der Staaten steigt tendenziell weiter an. Die Lösung dieser grundlegenden Probleme liegt weitgehend nicht in den Möglichkeiten der EZB.

Säkulare Stagnation?
Der ehemalige US-Finanzminister Larry Summers hielt im Herbst 2013 eine bei Ökonomen viel beachtete und umstrittene Rede. Summers ist kein unbeschriebenes Blatt. Er unterstützte die Deregulierung der Finanzmärkte und von Derivaten. Letztere sind gegenseitige Verträge zum Austausch von Risiken unter Ableitung (Derivat) von Basiswerten wie etwa Wertpapieren oder Zinssätzen. Die von Summers unterstützte Deregulierung wurde von vielen Ökonomen später als eine Hauptursache der Finanzkrise seit 2007 angesehen.

In der vorgenannten Rede führte Summers aus, dass die Krise der Jahre 2007 und 2008 – die bis heute nicht beendet ist – nicht einfach nur eine Krise war, wie sie immer wieder mal auftritt. Aus seiner Sicht könnte die Weltwirtschaft vielmehr in einem langfristigen Trend stecken, der allgemein als ‚Säkulare Stagnation‘ bezeichnet wird. Der amerikanische Ökonom Alvin Hansen prägte diesen Begriff erstmals in den 1930 Jahren in Folge der großen Depression. Bei der großen Depression in den USA hatten im Jahr 1934 ungefähr 80 Mio. Amerikaner ihre gesamten Ersparnisse verloren, fast ein Drittel der Unternehmen war vom Markt verschwunden und die Löhne waren um ca. 25 Prozent gesunken.

Natürlich befinden wir uns derzeit nicht in einer Depression. Jedoch scheinen die früheren Wachstumsraten in China abzuschmelzen und die USA machen gerade die Erfahrung, dass Dienstleistungen den weggebrochenen Industriesektor nicht ersetzen können. Der größte Arbeitgeber der USA ist Walmart, ein Einzelhandelsgigant mit weltweit 2 Millionen Mitarbeitern. Bei McDonald’s, dem zweitgrößten Arbeitgeber, liegt das durchschnittliche Jahreseinkommen bei etwa 15.500 Dollar. Zum Vergleich: Die Armutsgrenze beginnt bei 22.000 Dollar. Die Länder Europas scheinen ebenfalls von einer Lösung ihrer eigenen Wirtschaftsprobleme weiter entfernt denn je.

Die EZB hat nun in der Hoffnung, die Wirtschaft in Europa anzukurbeln, am 5. Juni den Leitzins auf 0,15 Prozent, somit nahe Null, gesenkt. Doch hilft das wirklich? Laut Summers wird die Vollbeschäftigung der gesamten Wirtschaft durch den sogenannten ‚Natürlichen Gleichgewichtszinssatz‚ sichergestellt. Nur dieser Zinssatz stelle ausreichende Investitionen aller Beteiligten sicher. Wer keine Zinsen erwartet, der investiert eben nicht. Betrachtet man nun die hohe Arbeitslosigkeit in Europa, den USA und auch Asien, so wäre dies nach Summers ein Zeichen für einen nicht vorhandenen Natürlichen Gleichgewichtszinssatz. Summers vermutete, dass der Natürliche Gleichgewichtszinssatz irgendwann in den letzten Jahren unter Null gefallen sei und nun bei -2 oder -3 Prozent liegen könne.

Nun hat Summers keine Belege für seine These geliefert und Kritiker könnten diese zu Recht beanstanden und gar verwerfen. Doch damit würde man es sich viel zu einfach machen. Warum geht die EZB erstmals in ihrer Geschichte – auch die FED, die Zentralbank der USA, hat sich noch nie an so einem Experiment versucht – ein solch großes Wagnis mit unbekannten Ausgang ein?

Eine bizarre Erscheinung ist auch, dass ohne die Ausschweifungen und Blasen an den Märkten die Arbeitslosigkeit wohl deutlich höher ausgefallen wäre. Es wären weniger Investitionen getätigt worden und manches Unternehmen hätte die Krise möglicherweise ohne Blase nicht überlebt. Führt man diesen Faden weiter fort, dann dürften Blasen und irrationaler Überschwang bis hin zum Ekzess nicht vermeidbar sein und im Gegenteil sogar für Wohlstand durch Beschäftigung und Investition sorgen, wenn auch befristet. Denn irgendwann wird die Rechnung präsentiert.

Was sind die Ursachen?
Stellt man diese Frage zehn Ökonomen, so erhält man wohl ebenso viele Antworten und bleibt verunsichert zurück. In einigen Punkten überschneiden sich Ökonomen wiederum. Es werden die üblichen Verdächtigen genannt: Der Staat investiert viel zu wenig. Manager gehen immer weniger unternehmerische Risiken ein, weil sich ihre Zeit in Verantwortung für das Unternehmen sonst drastisch verkürzen könnte oder zumindest der Geldbeutel leidet, weil ihr Bonus am Gewinn des Unternehmens hängt. Somit investieren auch Unternehmen zu wenig. Allerdings dürften sich Unternehmen mit solchen Verhaltensweisen selbst ins Fleisch schneiden, denn weltweit nehmen die Margen in nahezu allen Branchen durch neue Wettbewerber und fehlende neue ‚Cash Cows‘ ab. Eigentlich müsste in einer solchen Situation echtes Unternehmertum erst recht gefragt sein.

Hinzu kommen neue Technologien, die neue Geschäftsmodelle ermöglichen und alte Strukturen zerschlagen. Der Buchhandel und das Pressewesen machen damit aktuell sehr schmerzhafte Erfahrungen. Auch die Crowd ersetzt Unternehmen zunehmend eigenes teures Personal und Leistungen. Beispiel: Ein Unternehmen will ein neues Produktdesign entwickeln und schreibt einen Preis für den besten Entwurf aus. Viele intelligente Köpfe präsentieren tolle Ideen, aber es gibt nur einmal den ersten Preis. Die anderen gehen leer aus. Crowdsourcing ist eine tolle Idee, aber der Weg zur Selbstausbeutung und zum Wegfall vieler ansonsten gut bezahlter Arbeitsplätze könnte näher liegen als man denkt.

Die digitale Welt führt immer öfter dazu, dass früher kostspielige Leistungen und Produkte sich sozusagen in ‚Freie Güter‚ verwandeln, die in der Regel weitgehend kostenfrei sind. Bemerkenswert ist, dass ab September 2014 Drogenhandel und Tabakschmuggel das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) erhöhen, während die an Bedeutung zunehmenden freien Güter darin nicht vorkommen.

Möglicherweise haben viele gut eingeführte Produkte auch eine Sättigungsschwelle erreicht und trotz Investitionen wird vom Konsumenten nicht gekauft, da Angebote nicht mehr stimulierend wirken. Zeichen hierfür sind Abwrackprämien für Autos, Kühlschränke und weitere elektrische Geräte. Staatliche Prämien sollen den Verkauf ankurbeln, weil das Angebot, so schön es auch ist, keinen wirklichen Nutzen schafft.  Sicherlich liegt in dieser Nachfrageschwäche auch ein wichtiger Grund für fehlendes Wirtschaftswachstum. Käufer von Neuwagen erhalten ungeahnte Rabatte. Möbelhäuser ’schenken‘ die Mehrwertsteuer und wer ohne Nachlass kauft, der ist sowieso selbst schuld.

Die Folgen
Die Zentralbanken werden daher noch sehr lange Zeit die Leitzinsen um Null Prozent halten müssen. Hinzu kommt, dass alle europäischen Staaten als Schuldner von Staatsanleihen an einem möglichst geringen Zinsniveau Interesse haben müssen, denn andernfalls gehen sie pleite. Die heutigen Zinsen sind massiv politisch manipuliert. Die Folgen für den Sparer wurden schon oft in der Presse thematisiert. Dieser wird schleichend enteignet. Verheerend scheinen mir die Auswirkungen auf zukünftiges Sparverhalten zu sein. Warum soll man einen müden Euro sparen, wenn Inflation, möglicherweise negative Zinsen auf das Sparbuch oder gar zusätzliche Besteuerung in Zeiten massiven staatlichen Geldbedarfs diese Bemühungen ins Leere laufen lassen? Die Erfahrungen in Zypern und Griechenland zeigen, dass früher Undenkbares mittlerweile schneller Realität werden kann als gedacht.

Ab und zu schimmert manchmal schon ein wenig Verzweiflung bei den politisch Handelnden durch. Wenn der von mir ansonsten hoch geschätzte Chef der Bundesbank, Jens Weidmann, eine durchschnittliche Lohnerhöhung von drei Prozent in Deutschland öffentlich fordert, dann verlässt er seinen Aufgabenbereich und mischt sich in Dinge ein, die – mit Verlaub – nur Arbeitgeber angehen. Nur die müssen nämlich diese Kosten tragen. In Deutschland bestellen zu viele Politiker und Funktionäre Menüs, deren Rechnung sie dann anderen aufdrücken wollen. Man schaue sich nur die Gesetzgebung der letzten Monate an.

Was kommt?
Die Ökonomen sind tief gespalten. Prangern die einen den von den Deutschen angeblich geforderten Austeritätskurs an, so sehen andere gerade in einer Konsolidierung der Finanzen und einem Ende liebgewordener Verhaltensweisen den Ausweg aus der verfahrenen Situation. Natürlich bestimmen mächtige Interessenlagen den Diskurs. Wer etwas geben soll, will dies nicht. Wer etwas haben will, fordert dies massiv ein. Kann eine Wirtschaft dauerhaft am Laufen gehalten werden, wenn selbst ein Zinssatz von Null Prozent anscheinend zu hoch ist? Summers sieht die aus seiner Sicht noch lang andauernde Null-Zins-Politik als chronisches und systemisches Hemmnis für wirtschaftliche Aktivitäten. Die hektischen Bemühungen, vielen Gipfeltreffen und kreativen Umgehungen von vereinbarten Regeln und Verträgen deuten auf ein sich erschöpfendes Krisenmanagement hin. Sollte Larry Summers mit seiner These richtig liegen, dann stehen uns etliche weitere magere Jahre bevor.

Michael May

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