Politische Zinsen

Seit Jahren kannte die Zinsentwicklung nur eine Richtung: Nach unten. Nie zuvor konnten Investitionen so günstig wie heute finanziert werden. Doch die Europäische Zentralbank (EZB) wird wohl in nächster Zeit zusätzliche Maßnahmen ergreifen, die das Zinsniveau noch weiter senken könnten.

Derzeit können sich Kreditinstitute bei der EZB Geld zum Refi-Satz von nur 0,25 Prozent leihen. Es ist aber zu erwarten, dass dieser Zinssatz auf Null gesenkt wird. So sollen die Banken vordergründig dazu gebracht werden, diese Senkung an die Kreditkunden weiterzugeben.

Erstmals könnte weiterhin der Einlagenzins der Banken bei der EZB leicht negativ werden. Kreditinstitute müssten sozusagen einen Strafzins dafür zahlen, dass sie das Geld lieber bei der EZB parken als an Unternehmen oder Private auszuleihen. Das hat für die Staaten Europas einen schönen Nebeneffekt: Banken könnten sich so eher zum Kauf von Staatsanleihen entscheiden als das Geld zu parken.

Das dürfte im übrigen das klandestine Motiv der EZB sein: Sicherstellung der staatlichen Finanzierung in Europa. So liegt die offizielle Staatsverschuldung Deutschlands bei gut 2.000.000.000.000 Euro (2 Billionen). Die verdeckte (implizite) Staatsverschuldung betrifft zusätzlich staatlich eingegangene Zahlungsverpflichtungen (etwa Pensionen, Renten), denen keinerlei Gegenwerte entgegenstehen, sondern die durch zukünftige laufende Einnahmen abzudecken sind. Es sind quasi ungedeckte Schecks auf eine gute wirtschaftliche Zukunft. Die Schätzungen zur Höhe dieser impliziten Verschuldung schwanken zwischen 5 bis 8 Billionen Euro.

Kleine Rechnung, große Wirkung:

Angenommen, der deutsche Staat würde ab 2015 jedes Jahr keine Schulden mehr machen, sondern sogar jedes Jahr 10 Milliarden der genannten 2 Bio. Euro tilgen. Das würde dann etwa 200 Jahre dauern. Im Jahr 2214 wäre Deutschland schließlich frei von Schulden. Für wie realistisch halten Sie persönlich dieses Szenario?

Was bedeutet dies für die Zukunft der Zinsen?

Die Höhe der Zinsen stellt kein Abbild des jeweiligen Risikos mehr dar, sondern ist allein politisch gesteuert. Kaum ein Staat in Europa, kein deutsches Bundesland und nur wenige Kommunen in Deutschland könnten um 2, 3 oder 4 Prozent höhere Zinsen wirtschaftlich verkraften. Das Zinsniveau müsste daher zukünftig – über Jahrzehnte hinweg – absolut niedrig bleiben, um die staatliche Handlungsfähigkeit überhaupt noch zu gewährleisten.

Das bedeutet aber auch, dass die Zinsen für Private und Unternehmen weiterhin niedrig bleiben und merkliche Zinserhöhungen nicht erfolgen sollten.

Eigentlich. Gäbe es da nicht den Schwarzen Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse, also eines Geschehens, das extrem unwahrscheinlich ist, völlig überraschend eintritt und sich im Nachhinein einfach erklären lässt. Das meint zumindest der Autor des Buches ‚Der Schwarze Schwan‘, Nassim Nicholas Taleb.

Wenn die Höhe des jeweiligen Zinses nicht mehr dem tatsächlichen Risiko entspricht, sondern politisch gesteuert wird, dann dürfte der nächste Schwarze Schwan bereits Kurs auf Europa genommen haben.

Michael May

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