Nachsozialisierung: eine unternehmerische Aufgabe?

Das Handelsblatt schreibt: „Der Ausbildungsmarkt nimmt krisenhafte Züge an“, sagte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack. „Vor allem kleine und mittlere Unternehmen fliehen aus der Ausbildung.“

Viele Unternehmer meinen, dass die Qualität der Haupt- und Realschulabgänger nachgelassen habe. Gewerkschaftler wiederum sehen Unternehmen in der Verantwortung. Diese würden immer weniger Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen. Sicher haben beide ein wenig recht. Aus meiner Wahrnehmung würden viele KMU sehr gern Azubis einstellen. Sie möchten aber nicht zur Reparaturwerkstatt für Elternhaus und Schule werden, was nachvollziehbar ist. Prof. Dr. Peter Nieschmidt, Mitbegründer der Hochschule der Bundeswehr, hat in einem Vortrag durchaus provokant geäußert, dass insbesondere Einzelkinder verwöhnt seien, immer im Mittelpunkt stehen wollten und daher besonders viel Zuwendung forderten. Er meinte weiterhin, dass viele dieser jungen Menschen sozusagen „nachsozialisiert“ werden müssten.

Ich meine, man überfordert KMU mit dieser Aufgabe. Etwa 90% aller deutschen Unternehmen haben zwischen 1 und 10 Mitarbeiter. Da muss sich jeder auf jeden verlassen können und schon der Ausfall eines Mitarbeiters oder einer Mitarbeiterin kann den Betrieb beeinträchtigen. Der Unternehmer muss sich und seine Familie ernähren, pünktlich Steuern sowie Löhne zahlen und ständig nach Aufträgen Ausschau halten. Das allein ist schon eine fordernde Aufgabe. Es ist ihm daher nicht zuzumuten, dann auch noch Zeit und Geld für eine umfassende Nachsozialisierung problematischer junger Menschen aufzubringen.

Das mag hart klingen, ist aber so nicht gemeint. Es geht darum, wem Verantwortung für diese jungen Menschen zukommt. Jeder von diesen sollte natürlich einen Ausbildungsplatz erhalten. Kleinunternehmer dürfen aber nicht für die Fehler des Elternhauses verantwortlich gemacht werden. Viele Lehrer können ein Lied von Eltern singen, welche die Schule für die Probleme ihrer Kinder verantwortlich machen. Dabei sind es zumeist die eigenen, überzogenen Ansprüche, die schon den Schulbetrieb beeinträchtigen.

Egal, wo vorher versagt wurde: Die Forderung an kleine Unternehmen, gefälligst die dann notwendigen sozialen Reparaturarbeiten vorzunehmen, natürlich auf eigene Kosten des Unternehmens, bürdet diesen Unternehmen eine Verantwortung auf, der sich die eigentlich Verantwortlichen elegant entledigen wollen. Die vorgenannte Flucht aus der Ausbildung scheint daher eher eine logische Ausweichreaktion zu sein.

Michael May

Quelle Handelsblatt:

http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/streit-ueber-gruende-tausende-jugendliche-ohne-ausbildungsplatz/9007340.html

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