Die Fallen des Kontokorrentkredits

Zur Vermeidung von Liquiditätsengpässen ist der Kontokorrentkredit (KK) das klassische Finanzinstrument. Nur wenige, in der Regel sehr gut wirtschaftende Unternehmen, kommen ohne einen Kontokorrentkredit ihres Kreditinstitutes aus. Jeder Entscheider in Unternehmen sollte sich aber mit der kurzfristigen Kreditlinie intensiv befassen, denn diese kann unerwartete Fallstricke aufweisen. Mancher Berater führt aus, dass der Kontokorrentkredit ohne die Stellung besonderer Sicherheiten gewährt würde. Diese Aussage ist nur bedingt richtig und kann im falschen Moment (in dem man es gar nicht gebrauchen kann) unangenehme Folgen haben. Umgangssprachlich ist der Begriff des Kontokorrentkredits nahezu identisch mit den Begriffen Kreditlimit, Kreditlinie, Dispo oder auch nur einfach Limit. Nachstehend gehe ich auf einige wichtige Punkte bei der Beurteilung von Kreditlinien ein.

1. Die Höhe des KK richtet sich nach der Höhe und Bewertung der gestellten Sicherheiten. Hier kann schon die erste Falle eingebaut sein. Beispiel: Die Bank hat die vom Unternehmen zur Verfügung gestellten Sicherheiten bewertet. Auf Grund dieser Untersuchung ist sie bereit, eine Kreditlinie von 150.000,- € einzuräumen.  Nach erster Freude beim Unternehmer schaut dieser noch einmal genauer auf einige der Unternehmensdaten:

a) das durchschnittliche Kundenziel beträgt 20 Tage; der tägliche durchschnittliche Forderungsbestand 3.000,- €

b) die durchschnittliche Produktionsdauer beträgt 15 Tage; der tägliche Werkstoffeinsatz liegt bei 2.000,- €

c) die durchschnittliche Lagerdauer der Fertigerzeugnisse liegt bei 10 Tagen; der tägliche Lohneinsatz bei 1.000,-  €

das bedeutet:  (20 + 15 + 10) x (3.000 + 2.000 + 1.000) =  270.000,- €

Die vorgenannte ‚kumulative Methode‘ zur Ermittlung der gesamten Kapitalbindungsdauer und des Umlaufkapitalbedarfs ist zwar ein nicht ganz genaues  Verfahren, zeigt aber die Aufgabenstellung klar an. Das eingeräumte Limit von 150.000,- € reicht bei weitem nicht aus, die laufenden Verpflichtungen zu bedienen. Der Unternehmer muss sich daher weitere Gedanken machen (etwa zum Lieferantenziel) und sich auf neue Verhandlungen mit der Bank einstellen. Die Ziehung von Skonto ist mangels ausreichender Liquidität nicht möglich.

An dieser Stelle ist noch darauf hinzuweisen, dass die tatsächliche Liquiditätssituation von der vorgenannten überschlägigen Methode stark abweichen kann. Gerade in finanziell angespannten Lagen ist ein separater Liquiditätsplan notwendig.

2. Die Höhe des Zinssatzes richtet sich nach dem von der Bank ermittelten Ausfallrisiko, das sich in der Rating-Note niederschlägt. Beispiel: Ein Unternehmer beschwert sich bei seiner Sparkasse über einen seiner Meinung nach zu hohen Sollzinssatz von 12% (von den sonstigen Kosten einmal abgesehen). Daraufhin erklärt die Bank ihm, dass sein Unternehmen auf einer Skala von 1 (sehr gut) bis 18 (Insolvenz) die Note 10 aufweise.

Die Bank sieht in dem Unternehmen ein nicht unerhebliches Ausfallrisiko und lässt sich dieses über einen hohen Zins vergüten. Der Unternehmer wiederum muss sich spätestens jetzt um eine Verbesserung seines Ratings kümmern. Eine weitere Verschlechterung der Note ließe den Zinssatz sogar weiter ansteigen und möglicherweise zieht die Bank zusätzliche Konsequenzen.

3. Der Kurzfristcharakter der KK-Kredits beinhaltet aber ein weiteres, oft übersehenes Problem. Nehmen wir das Beispiel unter Punkt 2: Ein Jahr später hat sich die Situation des Unternehmens weiter verschlechtert, was sich in der neuen Rating-Note 14 niederschlägt. Die Bank hat das Vertrauen in die Geschäftsführung des Unternehmens verloren und informiert den Unternehmer davon, dass sie die Kündigung der Kreditlinie aussprechen werde. Da die Laufzeit von Kontokorrentkrediten üblicherweise nur 3 Monate beträgt, steht der Unternehmer vor der Aufgabe, sich einen neuen Geldgeber schnellstmöglichst zu suchen.

Das dies gerade in einer finanziell schwierigen Situation des Unternehmens nicht einfach ist, kann man sicher nachvollziehen. Findet der Unternehmer keine alternative Kapitalquelle, dann dürfte die Kündigung des kurzfristigen Kontokorrentkredits die Illiquidität und somit die Insolvenz des Unternehmens zur Folge haben.

4. Die Frage der Sicherheiten wird noch dringlicher. Mit Blick auf Basel III werden Banken gerade bei schwächeren Unternehmen versuchen, zusätzliche Sicherheiten zu erhalten. Dies, obwohl das Unternehmen überhaupt keine neuen Kredite beantragt hat. Es ist daher vorstellbar, dass Banken in Einzelfällen die Kreditlinie zumindest kürzen werden, wenn sie die gewünschten Sicherheiten nicht erhalten. Ob das jeweilige Unternehmen diese Maßnahme wirtschaftlich aushält erscheint eher zweifelhaft.

Fazit:  Jeder Unternehmer oder verantwortliche Manager sollte sich mit dem Kontokorrentkredit-Vertrag seines Unternehmens intensiv beschäftigen. Gleiches trifft auch die Sicherheitenlage zu. Es ist dabei aus Sicht des Verfassers sehr wichtig, dann zu handeln, so lange man dazu in der Lage ist. Kühlt das Verhältnis mit der Bank erst einmal aus, kann ein Unternehmer/Entscheider oftmals aus eigener Kraft wichtige Dinge im eigenen Sinn nicht mehr gestalten. Soweit sollte es nicht kommen.

Michael May

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s